Interview: Fimer-CEO Carzaniga zum Kauf des Wechselrichtergeschäfts von ABB

16. Juli 2019 - 8 minutes read

Der Schweizer Konzern ABB verkauft sein Wechselrichtergeschäft an den italienischen Inverter-Produzenten Fimer. Jetzt sprach pv magazine mit Fimer-Chef Filippo Carzaniga über die Zukunft der F&E-Zentren von ABB, der Fertigungsstandorte und der Mitarbeiter sowie natürlich über die Perspektiven für Fimer.von pv magazine global
pv magazine: Warum hat Fimer beschlossen, das Geschäft von ABB zu übernehmen?
Carzaniga: Fimer hat die Akquisition beschlossen, da der Solarmarkt weltweit wächst. Die im vergangenen Jahr von ABB entwickelte Produktpalette ist wirklich innovativ und zuverlässig. Sie deckt alle unterschiedlichen Segmente ab und ergänzt sehr gut das Angebot von Fimer. Angesichts des langjährigen Engagements von Fimer in Forschung und Entwicklung werden die von ABB eingeführten neuen Entwicklungen – Blockchain, neue digitale Lösungen und Produktminiaturisierung – außerdem perfekt zu unserem strategischen Wachstumsplan passen und unsere Position im Wettbewerb stärken.
Fimer hat jetzt angekündigt, das Wechselrichtergeschäft von ABB zu übernehmen, der Abschluss soll jedoch erst Anfang nächsten Jahres erfolgen. Das ist ein ungewöhnlich langfristige Vorankündigung. Was ist der Grund?
Das Timing zwischen Unterzeichnung und Abschluss wird stark von der Komplexität und der Breite des Geschäfts beeinflusst, und bei dieser Art von Geschäft ist dieses Timing durchaus üblich. Um einen nahtlosen Übergang für Kunden und Beschäftigte zu gewährleisten, gibt es viele vertragliche Aspekte, die verschiedene Länder betreffen und die vor dem Abschluss geregelt werden müssen.
Der Ankündigung zufolge wird Fimer in den nächsten sechs Jahren von ABB fast eine halbe Milliarde Euro erhalten. Das hört sich so an, als würden Sie dafür bezahlt, das Wechselrichtergeschäft von ABB zu übernehmen?
Der Wert der Transaktion wurde nicht bekannt gegeben. Sie beinhaltet jedoch die Verpflichtung, alle Garantien einzuhalten, die ABB für das gesamte installierte Wechselrichtervolumen von mehr als 36 Gigawatt gegeben hat.
ABB konnte im Wechselrichtergeschäft keine ausreichend hohe Gewinnspanne erzielen. Wie will Fimer es besser machen?
Wir glauben, dass erfolgreiche Unternehmen mit Kompetenz, Engagement, Fokus und Leidenschaft betrieben werden. Fimer blickt auf eine fast 80-jährige Geschichte zurück und ist ein solides und intelligent wachsendes Unternehmen. Der Geschäftsbereich Photovoltaik-Wechselrichter ist seit über 30 Jahren unser Kerngeschäft und macht über 84 Prozent unseres Umsatzes aus. Darüber hinaus ist unsere Organisation sehr schlank, flexibel und dynamisch. Zusammen mit starken Investitionen in F&E und in die Personalentwicklung tragen diese Merkmale dazu bei, dass wir in diesem sich schnell verändernden Markt besser bestehen können. Wenn wir uns die wichtigsten Markttrends wie fortschrittliche Technologien, dezentrale Energieerzeugung und Mikronetze ansehen, sind wir fest davon überzeugt, dass es für Fimer einen günstigen, rentablen und nachhaltigen Markt gibt.
Welchen Absatz erwartet Fimer für 2020, sobald der Deal abgeschlossen ist?
Der erwartete Absatz für 2020 liegen nach unserem Plan, der Synergien berücksichtigt, bei über sieben Gigawatt.
Gemessen am Verkaufserfolg lag Ihr regionaler Fokus auf Lateinamerika. Mit den Marketingkanälen von ABB in Ihren Händen könnte sich dies etwas ändern, da ABB in Asien besonders erfolgreich war. Wird Fimer seine Präsenz in Indien und Südostasien verstärken?
Natürlich wird unsere Präsenz in Lateinamerika weiter verstärkt, insbesondere in verschiedenen Marktsegmenten, in denen Fimer noch nicht präsent ist. Das Geschäft mit ABB wird zudem mit Sicherheit auch unserer globalen Präsenz helfen und uns neue geografische Regionen eröffnen, die für das gesamte Solargeschäft von großer strategischer Bedeutung sind, wie Europa, Asien-Pazifik, Japan und Nordamerika.
ABB verfügt über Produktions- und F&E-Standorte in vielen Ländern. Welche Pläne hat Fimer für diese Standorte?
Unser Ziel ist es, weiterhin Werte zu schaffen und die vorhandenen Einrichtungen sowie das Beschäftigungsniveau zu erhalten. Wir sind nicht an einer Reduzierung interessiert. Wir glauben, dass Investitionen in Forschung und Entwicklung von zentraler Bedeutung sind, und deshalb haben wir beschlossen, weiterhin mit den drei F&E-Zentren in Finnland, Italien und Indien zusammenzuarbeiten. Wir möchten, dass der Übergangsprozess so reibungslos wie möglich verläuft, um die Kontinuität der Geschäftstätigkeit zu gewährleisten.
In Bezug auf die 800 Mitarbeiter, die derzeit im Wechselrichtergeschäft tätig sind, beabsichtigt ABB, alle Jobs zu erhalten. Aber diese Entscheidung liegt bei Ihnen. Wie sind Ihre Pläne für diese Mitarbeiter?
Wie bereits erwähnt, liegt unser Fokus auf der Wertschöpfung. Und dieses Ziel können Sie nur erreichen, wenn Sie fest davon überzeugt sind, dass Menschen einer Ihrer wichtigsten Vermögenswerte sind. Wir arbeiten daran, einen nahtlosen Übergang zu gewährleisten und die Belegschaftsstruktur beizubehalten. Wir wollen Störungen des Betriebs vermeiden, auch auf Managementebene. Wir sind sicher, dass wir die Beschäftigten gut auf unserem zukünftigen Weg mitnehmen können.
ABB und Fimer haben einige konkurrierende Wechselrichterprodukte. Es ist wahrscheinlich nicht abwegig anzunehmen, dass Sie von solchen Produkten nur eines weiter herstellen werden. Wissen Sie schon, welche Stringwechselrichter und welche Zentralwechselrichter das sein werden?
Die Produktpalette beider Unternehmen ergänzt sich sehr gut und reicht vom kleinen Stringwechselrichter bis zu großen zentralen Lösungen mit der weltweit breitesten Auswahl. Außerdem verfolgten ABB und Fimer bei Zentralwechselrichtern unterschiedliche Ansätze, denken Sie beispielsweise an die ABB-“Outdoor“-Wechselrichter und die Container-“Indoor“-Lösung von Fimer. Ich denke, dass es für beide Varianten unterschiedliche und koexistierende Möglichkeiten geben wird.
Da das Unternehmen nun über ein starkes Portfolio an Stringwechselrichtern verfügt: Wird Fimer seine Produktstrategie von den großen Zentralwechselrichtern abwenden, für die es bekannt ist?
Die Strategie wird im Einklang mit den Marktanforderungen stehen. Das signifikante Upgrade unseres Angebots wird einen weiteren Schritt darstellen, um alle Kunden in allen Marktsegmenten uneingeschränkt zu bedienen.
Im Juli 2018 sagten Sie pv magazine, dass Sie planen, in Italien an die Börse zu gehen. Wie sehen Ihre Pläne inzwischen aus?
Wir haben uns vorerst entschlossen, den Börsengang aufgrund der aktuellen allgemeinen Marktbedingungen zu verschieben.
Quelle: PV-Magazin
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