„Schuleschwänzen“ gegen Tod durch Bomben oder gegen Tod durch Klimaerhitzung – was ist der Unterschied?

8. Mai 2019 - 5 minutes read

Immer noch gibt es Zeitgenossen, die an das Menschheitsproblem Nummer eins, die Klimaerhitzung, mit einer am kleinen Ein-mal-eins geschulten Denkweise herangehen. So sah sich kürzlich eine Schülerin veranlasst, ihre Rede auf der Freitagsdemo mit den Worten zu beginnen: „Es wird uns vorgeworfen, dass wir nur die Schule schwänzen wollen.“ Das bringt die Frage hoch: Wie […]Immer noch gibt es Zeitgenossen, die an das Menschheitsproblem Nummer eins, die Klimaerhitzung, mit einer am kleinen Ein-mal-eins geschulten Denkweise herangehen. So sah sich kürzlich eine Schülerin veranlasst, ihre Rede auf der Freitagsdemo mit den Worten zu beginnen: „Es wird uns vorgeworfen, dass wir nur die Schule schwänzen wollen.“
Das bringt die Frage hoch: Wie war das eigentlich im 2. Weltkrieg, wenn die Sirenen heulten und die Menschen in die Luftschutzbunker rannten? War das auch „Schwänzen“, wenn der Alarm während der Schulzeit stattfand und Schüler mitrannten, oder wurde ihnen zugebilligt, dass Lebenserhalt schwerer wiegt als Schulpflicht?
Vermutlich das Letztere. Denn wenn die feindlichen Flugzeuge über die Stadt brummten und ihre Bombenlast ausklinkten, war die tödliche Gefahr unmittelbar präsent.
Dass unmittelbar gegebene Bedrohung den routinemäßigen Lebensablauf schlagartig und radikal unterbricht, ist jahrtausendealte Selbstverständlichkeit. Noch heute gibt es diesen „Katastrophenkommunismus“, wenn beispielsweise im Überschwemmungsfall alle Betroffenen ihre Standesunterschiede ad acta legen und nur noch gemeinsam Sandsäcke schleppen.
In früheren Zeiten, als die Menschheit und ihr technisches Potenzial noch klein waren, reichte es aus, sich ad hoc gegen die gelegentlichen Naturkatastrophen zu wehren.
Heute, wo wir den gesamten Planeten aus dem Gleichgewicht gebracht haben mit der Folge, dass Katastrophen – die korrekterweise auch nicht mehr als „Naturkatastrophen“ zu bezeichnen sind – gehäuft auftreten, muss der Schutz auf einer anderen Ebene ansetzen. Von der sich auf das Einzelereignis beschränkenden Betrachtungsweise muss der Blick auf die globale Situation ausgeweitet werden. Auch wenn gerade keine unmittelbare Betroffenheit durch ein Schadensereignis gegeben ist, muss aus dem Wissen heraus, dass Katastrophen zu erwarten sind, gehandelt werden. Dies bedeutet nichts Geringeres, als dass die Menschheit eine völlig neue und höhere Bewusstseinsstufe zu erklimmen hat.
Wenn Schüler für Klimaschutz und Energiewende demonstrieren und die Dringlichkeit intensivieren, indem sie das während der Unterrichtszeit tun, machen sie genau das. Ihre Groß- oder Urgroßeltern rannten in die Bunker, um ihr Leben zu retten. Wenn heute die Schüler freitags demonstrieren, geht es genauso um Lebensrettung, sogar nicht nur um individuelle, sondern um die kollektive Lebensrettung. Denn die Auswirkungen des ungebremsten Klimawandels werden verheerender sein als es Kriege jemals waren.
Diejenigen, die den Schülern Schwänzen vorwerfen, sollten sich besser selber auf die Schulbank setzen, um sich vielleicht dem Weitblick anzunähern, den sich die Schüler erarbeitet haben – und dadurch uns allen eine Hoffnung geben.
— Der Autor Christfried Lenz war unter anderem tätig als Organist, Musikwissenschaftler und Rundfunkautor. Politisiert in der 68er Studentenbewegung, wurde „Verbindung von Hand- und Kopfarbeit“ – also möglichst unmittelbare Umsetzung von Erkenntnissen in die Praxis – zu einer Leitlinie seines Wirkens. So versorgt er sich in seinem Haus in der Altmark (Sachsen-Anhalt) seit 2013 zu 100 Prozent mit dem Strom seiner PV-Inselanlage. Nach erfolgreicher Beendigung des Kampfes der BI „Kein CO2-Endlager Altmark“ engagiert er sich ganz für den Ausbau der Ereneuerbaren in der Region. Als Mitglied des Gründungsvorstands der aus der BI hervorgegangenen BürgerEnergieAltmark eG, wirkte er mit an der Realisierung einer 750 Kilowatt-Freiflächenanlage in Salzwedel. Lenz kommentiert das energiepolitische Geschehen in verschiedenen Medien und mobilisiert zu praktischen Aktionen für die Energiewende —
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Quelle: PV-Magazin
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