PV-Symposium: Steigflug in die Wolken – Rohstoffmangel ohne Resonanz (2005)

13. März 2019 - 10 minutes read

Das Kapital „Steigflug in die Wolken“ reflektiert die Symposien der Jahre 2004 bis 2006. Wir veröffentlichten das Kapitel in insgesamt drei Teilen bis zum diesjährigen PV-Symposium (19. bis 21. März).März 2005, 20. Symposium
Nicht weniger als 623 Teilnehmer besuchten die Jubiläumstagung im Kloster Banz. Eckardt Günther betonte zu Beginn der Pressekonferenz, dass „diesmal wirklich“ die Grenze erreicht sei. Im kommenden Jahr werde man voraussichtlich vielen Interessenten absagen müssen. Die Teilnahme würde man in der Reihenfolge der Anmeldungen bestätigen. Mit anderen Worten: Wer zu spät kommt, muss draußen bleiben. Unausgesprochen stand die Frage im Raum, wie lange das Kloster dem Ansturm noch standhalten würde.
Das Tagungsprogramm umfasste wie üblich zwar rund 40 Vorträge, aber ein wichtiges Thema fehlte. Kein einziger Vortrag befasste sich mit dem Mangel an Solarsilizium, dem damals drängendsten Problem der Photovoltaik. Durch die enorm gewachsene Nachfrage war deutlich geworden, wo sich der Flaschenhals befand. Wenn die Industrie die Produktion von Solarsilizium nicht bald verstärken würde, dann war mit einer deutlichen Preissteigerung zu rechnen, und diese könnte den beginnenden Boom abwürgen.
Mehrere Branchenbeobachter hatten bereits verkündet, dass in diesem Jahr nichts den Markt stärker bremsen würde als der Rohstoffmangel. Das Tagungsprogramm klammerte aber auch die aktuelle Preisentwicklung aus, obwohl es schwer sein würde, den Preis um 5 Prozent zu senken, wie es sowohl der politischen Vorgabe als auch der Selbstverpflichtung der Branche entsprach.
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Indirekt gab das Symposium dadurch eine Antwort auf den Rohstoffmangel, dass es sich intensiv mit konzentrierender Photovoltaik beschäftigte, also mit dem Prinzip, teures Halbleitermaterial einzusparen, indem man preisgünstige Optik und ebenso preisgünstige Mechanik einsetzt. Hansjörg Lerchenmüller stellte die am Fraunhofer ISE entwickelte Flatcon-Technologie vor. Das Prinzip war bereits seit längerem bekannt: Die Optik des Konzentratorsystems bündelt das Sonnenlicht und lenkt es auf eine spezielle Solarzelle. Damit sich diese Zelle immer im Brennpunkt des Sonnenlichts befindet, muss das Modul zweiachsig nachgeführt werden. Als Stromquelle verwendete das Fraunhofer ISE eine extrem leistungsfähige Tandemsolarzelle auf der Basis von Gallium und Indium und einem Wirkungsgrad von fast 30 Prozent. Das Institut experimentierte bereits mit Tripelsolarzellen, um den Wirkungsgrad auf über 35 Prozent zu steigern und den Modulwirkungsgrad auf 28 Prozent.
Solarparks in der Diskussion
Weil die aus vielen Konzentratorzellen zusammengesetzten Module dem Sonnenstand nachgeführt werden müssen, sind sie eigentlich nur in der Freifläche einsetzbar. Dieses Thema bildete den Ausgangspunkt der Podiumsdiskussion. Das Podium diskutierte über die mögliche Konkurrenz, die den Dachanlagen durch Freiflächenanlagen entstehen würde.
Ludwig Trautmann-Popp, der Energiereferent des Bundes Naturschutz in Bayern, betonte die Bedeutung der Bürgersolaranlagen und plädierte dafür, die Größe der Solarparks auf 3 Megawatt zu begrenzen. Er warnte davor, das Image der Photovoltaik zu beschädigen und berichtete: „Wir werden mit den merkwürdigsten Argumenten gegen die Photovoltaik behelligt, nur weil es jetzt die Freiflächenanlagen gibt.“ Seiner Ansicht nach würde das Image auch unter dem rein finanziellen Interesse vieler Investoren leiden. Er fühlte sich an manche Fehlentwicklungen der Windenergie erinnert und sei froh, wenn man „irgendwann die Freiflächenanlagen beerdigen“ könnte.
Der hessische Installateur Lars Kirchner berichtete, dass er Freiflächenanlagen nur bis zu einer Größe von 500 Kilowatt errichten würde, und zwar aus einem ganz einfachen Grund: „Mehr Module bekommen wir zurzeit gar nicht, und die ganz großen Anlagen machen ohnehin die Hersteller unter sich aus.“ Bis auf weiteres sei es Verschwendung von Ressourcen, wenn man die knapp gewordenen Solarmodule auf der „Grünen Wiese“ aufständerte anstatt sie aufs Dach zu schrauben.
Winfried Hoffmann bezeichnete, ebenfalls ohne große Begeisterung, die Freiflächenanlagen als notwendige und wichtige Ergänzung zum Marktaufbau. Diese Position schien der kleinste gemeinsame Nenner zu sein, auf den sich das Podium, mit Ausnahme von Ludwig Trautmann-Popp, einigen konnte. Jener bezweifelte mit Hinweis auf die durch Vandalismus und Diebstahl verursachten Kosten, dass Freiflächenanlagen überhaupt eine Zukunft haben würden, und bezeichnete sie als Auslaufmodelle.
Gerhard Stryi-Hipp, der Geschäftsführer des Bundesverbandes Solarindustrie, präsentierte eine Statistik, aus der hervorging, dass Solarparks mit mehr als 1 Megawatt Gesamtleistung einen Marktanteil von lediglich 10 Prozent erreichten. Der Rest verteilte sich zu etwa gleichen Teilen auf die kleinen und mittelgroßen PV-Anlagen, und er rechnete nicht damit, dass sich daran so bald etwas ändern würde. Mit insgesamt 20.000 Beschäftigten hatte seiner Erhebung zufolge die Photovoltaik-Branche im Jahr 2004 einen Umsatz von 1,7 Milliarden Euro erwirtschaftet und PV-Anlagen mit einer Gesamtleistung von 360 Megawatt installiert. Mehrere Marktbeobachter hielten diese Zahl für viel zu niedrig, und zwar zu Recht, wie sich einige Monate später herausstellte. Es waren 618 Megawatt. Das bedeutete eine Vervierfachung des Marktes.

Dass die Photovoltaik immer mehr Besucher ins Kloster lockte, konnte man schon von weitem sehen, denn die Schlange der parkenden Autos staute sich im März 2005 bis hinter die Ortsschilder zurück. Es wurde langsam Zeit, den Parkplatz gegenüber dem Kloster zu erweitern, um den Andrang zu bewältigen.
Foto: Detlef Koenemann
Vehikel einer attraktiven Rendite
Benedikt Ortmann, Vorstand der auf die Errichtung von Solarparks spezialisierten SAG Solarstrom AG, scheuchte die Solargemeinde mit bislang unerhörten Thesen auf. Unwirtschaftlich, primitiv und hässlich sei die Photovoltaik, und es sei eigentlich ein Wunder, dass sie sich so gut verkaufe, behauptete er. Er forderte die Branche auf, das Marketing auf die seiner Ansicht nach wesentlichen Produkteigenschaften zu konzentrieren: „Photovoltaik ist ein Vehikel zur Erzielung einer attraktiven Rendite, verbunden mit einer relativ hohen Sicherheit und einem sichtbaren Beitrag zum Umweltschutz, der den Nachbarn beeindruckt“, fasste er seine Erkenntnisse zusammen. In erster Linie ginge es um ein Finanzprodukt.
Deshalb würde die Photovoltaik in erster Linie mit festverzinslichen Wertpapieren konkurrieren, sagte er und beendete seine provokanten Thesen mit der Behauptung, dass man neue Wege der Produkt- und Preispolitik sowie in der Kommunikation suchen müsse. Die meisten Akteure der Branche würden die Kunden falsch ansprechen. Nötig sei eine Abkehr von der technisch ausgerichteten Argumentation und eine stärkere Betonung der Aspekte Sicherheit und Emotionalität.
Benedikt Ortmanns Beitrag rief etwa ebensoviel Erstaunen wie Entrüstung hervor, konnte aber aufgrund des knappen Zeitrahmens nicht ausdiskutiert werden. Die meisten Akteure der Branche waren nach wie vor der Ansicht, dass der Schutz der Umwelt und des Klimas das wichtigste Argument für die Photovoltaik sei. Erst einige Jahre später, als der Boom in Deutschland seinem Höhepunkt entgegensteuerte, sollte das auf Rendite ausgerichtete Marketing fast alle anderen Argumente verdrängen.
Teil 1: Weltmarktführerschaft in Sicht (2004)
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Quelle: PV-Magazin
Link: PV-Symposium: Steigflug in die Wolken – Rohstoffmangel ohne Resonanz (2005)

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